Frau

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  • Publié le : 12 avril 2011
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Zusammenfassung: „Das ferne Nahe“, Schenkel

Bewegung und Ruhe
Der Mensch ist mit seinen Eigenheiten zäh. Er erzählt und glaubt gern, er neigt dazu, sich als Ich zu begreifen und fortwährend etwas zu tun, was im Rückblick Geschichte heißt. So wurden in den letzten 150 Jahren viele Dinge totgesagt, unter anderem auch das Reisen. Das Ferne ist nah geworden und somit auch langweilig. Mit demtouristischen Reisen, das seit 1851 verbreitet ist, endet so manches romantisches Ideal von Authentizität und Individualität. Doch schon vor dem Massentourismus scheint der Gegensatz zwischen dem, der die Welt mit eigenen Augen sieht und durchwandert, und jenen, die dies als Gruppe tun und ihre Eigenheit dabei aufgeben, da gewesen zu sein. So kann zwischen dem aufmerksamen und intelligenten Reisenden,der alles lieber selbst macht, und einem oberflächlichen und dummen, der alles vorgesetzt bekommen will, unterschieden werden. Heutzutage ist es so, dass die Welt für einen trägen Zahlenden hergestellt wird. Also macht das Reisen allein nicht klüger und die Menschen werden dadurch auch nicht besser, was zu dem grundlegenden Gegensatz von Bewegung und Ruhe zurückführt, der nach den Vorsokratikernauch als philosophischer Gegensatz bekannt ist. Die einen sehen Bewegung, die anderen Ruhe und Einheit, man kann es auch als Unterschied zwischen Eins und Zwei nennen. In der chinesischen Philosophie gibt es auch den Gegensatz zwischen Dynamik und Stille, zwischen dem Willen zur Geschichte und dem Weg der Willenlosigkeit, woraus die Gier nach Bildung auch in der Moderne, endlose Bewegung nach sichzieht, mit dem Ziel Information oder die Verwandlung allen Seins in Zeichen. Das Zeichen aber steht für Abwesendes, es signalisiert geradezu eine Flucht vor dem Realen. Das Internet spiegelt die aktuelle Verfassung der grenzenlosen Bedürfnisse vor. Doch bleiben die Menschen selbst begrenzt. Eine weitere Ausgestaltung dieser Bewegungswelt ist das Reisen, so oft und so weit wie möglich. Es istAblenkung und Inbild der Unruhe. Die einen wollen die Erde umrunden, um sich selbst zu erkennen, die anderen, bleiben lieber gleich zu Haus.

Reisen als Lebenskunst
Die Gefahr des Reisens besteht in einer Möglichkeit, sich selbst zu täuschen. Man sieht die Fremde und die Fremden wie man sie erwartet und wird in alten Vorurteilen bestätigt. Wer gereist ist, glaubt etwas zu wissen, was dieDaheimgebliebenen nicht wissen, doch weiß er meistens nicht mehr. Er unterliegt der Täuschung, zu wissen, dass er etwas weiß. Wir gehen auf Reisen, um ein anderes Licht auf unsere Existenz, unseren Alltag zu erhalten. Diese Verfremdung durch Distanz, die uns einem vermeintlichen Eigenen, dem Selbst, näher bringen soll, entspricht dem Staunen, das am Anfang allen Philosophierens steht. Das Reisen kann einenphilosophischen Denkprozess, eine Selbstbefragung auslösen, die auf eine Relativierung oder Wiederentdeckung des längst Bekannten hinausläuft. Das Reisen stellt die älteste Technik dar, die Lebenskräfte des Staunens zu erwecken. Etymologisch hängt reisen mit reißen zusammen. Es deutet eine Mühe, die mit solch einer Bewegung einhergeht und die sich noch im engl. travel erhält, das wiederum auf dasfrz. travail als Arbeit, Mühe zurückgeht. Wer in die Fremde geht, wird sich selbst zu einem gewissen Teil fremd. Er mag wohl all das, was ihn bislang definierte, in Frage stellen. Jemand, der sich zu Hause fremd gemacht hat ist es in der Fremde ohnehin. Doch hat das Fremdsein auch eine positive Bedeutung, eine besondere Wechselwirkungsform. Der Fremde kann eine objektivere Sicht als dieEinheimischen haben, da er nicht bzw. weniger in die Parteiung und Gewohnheit verstrickt ist. (Obwohl dem Fremden auch Oberflächlichkeit vorgeworfen wird, kann dieser Heimat aufwerten.) Nach Bloch ist Reisen eine mögliche Medizin, die der Verfremdung des Vertrauten dient. Chesterton dagegen war der Ansicht, dass man lernen müsse zu Hause zu reisen, dessen Kunst darin besteht, in der scheinbaren Monotonie...
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